Altes Pferd und persönliche Entwicklung – geht das überhaupt?

Anna Stempel-Romano

Aktuell beschäftigt mich ein Thema, das jedem, der seine eigenen Pferde für die Arbeit nutzt, früher oder später begegnet:

Einer meiner „Mitarbeiter“ wird langsam alt!

Lonny begleitet mich schon seit fast zehn Jahren. Als er damals zu mir kam wurde eher ich von ihm gefunden als anders herum. Unser gemeinsamer Weg begann zu einer Zeit, zu der noch nicht absehbar war, wohin es mich mit den Pferden führen würde. Ich war auf der Suche nach einem Reitpferd für meine Kinderreitstunden.

Statt dessen stolperte ich über ein ehemaliges Rennpferd aus Russland, nur für fortgeschrittene Reiter geeignet und aus Zeitmangel der Vorbesitzerin abzugeben. Nach zwei Arbeitseinheiten mit Lonny war klar: Er ist zwar nicht das gesuchte Reitpferd, aber er bekommt dennoch einen Platz in meiner kleinen Herde.

Foto: Kerstin Rieber kerstinrieber-fotografie
Foto: Kerstin Rieber kerstinrieber-fotografie

Seither führt er eben diese Herde an. Zu Beginn merkte man ihm oft seine sicher nicht ganz einfache Lebensgeschichte an. Jedoch hat er sich im Laufe der Jahre mit seiner freundlichen und sensiblen Art, mit der er auf jeden Menschen neugierig zugeht und dabei jede Irritation sofort spiegelt, zu einem wertvollen Mitarbeiter gemausert.

Und jetzt wird er – mit seinen mitlerweile 26 Jahren und einigen verlorenen Zähnen – seit etwa einem Jahr zunehmend alt.

Ein altes Pferd als „Mitarbeiter“ – was bedeutet das eigentlich?

Genau so wie ein menschlicher Mitarbeiter, hat auch ein Pferd mit zunehmendem Alter andere Bedürfnisse und stellt andere Anforderungen an seinen „Arbeitgeber“. Gleichzeitig – und auch das gilt meiner Meinung nach sowohl für menschliche als auch für tierische Mitarbeiter – kommen mit dem Alter auch ganz neue Eigenschaften und Qualitäten zum Tragen.

Ich will das Thema von zwei Seiten betrachten: Zum einen beschäftigt mich das Altern meines langjährigen Begleiters natürlich persönlich. Zum anderen steht für mich die Frage im Raum, ob und wie ich mein altes Pferd weiterhin für persönliche Entwicklungsprozesse meiner Klienten einsetzen kann und will – und was ich dafür tun kann, dass Lonny noch möglichst lange fit bleibt.

 

Für mich persönlich:

Foto: Kerstin Rieber kerstinrieber-fotografie
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Ein alterndes Pferd zu begleiten setzt für mich selbst nochmal ganz neue persönliche Entwicklungsschritte in Gang. Mein früher für alles bereite Partner verändert sich. Er braucht deutlich mehr Ruhe und ich muss lernen, ihm mehr Zeit zu geben für Dinge, die früher „einfach“ funktioniert haben. Unser Zusammensein wird ruhiger und langsamer, gleichzeitig aber auch intensiver und kostbarer. Ich freue mich noch mehr als früher über alles, was er mir anbietet. Gleichzeitig taucht immer wieder das Thema Abschied nehmen auf.

Abschied nehmen

Dabei geht es nicht ausschließlich um den endgültigen Abschied, der hoffentlich auch noch eine Weile auf sich warten lässt. Es geht auch um den allmählichen Abschied von dem, was unsere Zusammenarbeit lange geprägt hat: Schnelle Reaktionen, Ausdauer, sehr hohe Empfindsamkeit und eine nie abbrechende Bereitschaft zur Mitarbeit.

Aber das Schöne ist, dass an die Stelle dieser Eigenschaften andere treten, von denen ich mittlerweile feststelle, dass sie für die Persönlichkeitsentwicklung ebenfalls sehr wertvoll sind. Kann Lonny also auch als altes Pferd Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung begleiten?

 

Für die Persönlichkeitsentwicklung mit Pferd:

Grundsätzlich muss ein Pferd, mit dem persönlichkeitsentwickelnd gearbeitet wird, körperlich und geistig bzw. seelisch gesund sein.

Foto: Kerstin Rieber kerstinrieber-fotografie
Foto: Kerstin Rieber kerstinrieber-fotografie

Ein altes Pferd stellt uns als Anbieter dabei vor neue Herausforderungen. Das beginnt bei Veränderungen in der Haltung und Fütterung des Pferdes und geht bis hin zur Anpassung des Trainings, damit das Pferd weiterhin fit bleibt. Was das alles beinhalten kann, kannst du bei pferdekult und bei twotoned nachlesen.

Jedoch merke ich auch Veränderungen an Lonny, die ich für die Arbeit als besonders wertvoll wahrnehme. Bei einem Menschen würde man vielleicht behaupten, dass er „altersweise“ wird.

Aufgrund seiner Vorgeschichte ist Lonny bei aller Freundlichkeit ein Pferd, das sich schnell aus der Ruhe bringen lässt. Oft war es in Arbeitseinheiten sogar genau diese hohe Sensibilität, die zu erstaunlichen Erkenntnissen und Ergebnissen führte. Ich würde nicht sagen, dass sich nun an seiner Wesensart grundlegend etwas geändert hätte. Aber ich erlebe ihn nun als Besonnener, Sanftmütiger und Zurückhaltender als früher. Gleichzeitig ist er in manchen Dingen fordernder geworden: Er begegnet anderen immer wieder mit einer leichten Ungeduld. Er setzt deutlicher und häufiger seine eigenen Ideen und seinen Willen durch. Das bezieht sich nicht nur auf mich und andere Menschen, sondern auch auf die Mitglieder seiner Herde.

Das wirkt sich natürlich auch darauf aus, wie Lonny sich in unsere gemeinsame Arbeit einbringt. Er kommuniziert viel deutlicher als früher, wenn ihm etwas nicht passt. Dadurch fordert er mich und  meine Klienten immer wieder neu heraus, andere Wege zu gehen und neue Lösungen auszuprobieren. Ich erlebe das als eine neue Bereicherung der gemeinsamen Arbeit. Gleichzeitig muss und will ich sein Arbeitspensum reduzieren. Auch das macht er mir immer wieder deutlich, wenn ich es mal wieder vergessen habe.

Wie es für uns weitergeht.

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Foto: Kerstin Rieber kerstinrieber-fotografie

Auch wenn ich Lonny im Text immer wieder als „altes Pferd“ bezeichne, zähle ich ihn noch lange nicht zum alten Eisen. Ich habe auch das Gefühl, dass er es mir übel nehmen würde, wenn ich ihn in den Ruhestand schicken wollte. Nennen wir es daher mal „Altersteilzeit“. Lonny wird meine Klienten und mich sicherlich noch eine Weile als Senio-Co-Coach begleiten und seine Lebenserfahrung in die persönlichen Entwicklungsprozesse all jener Menschen mit einfließen lassen, die mit ihm zu tun haben.

Gesundheitlich hat Lonny sich in den letzten Wochen wieder gut gefangen. Wir haben einiges umgestellt und jetzt sind wir gerade mit Muskelaufbau beschäftigt.Auch wenn der Prozess für mich nicht immer einfach ist, freue ich mich darauf, Lonny auf seinem Lebensweg weiter zu begleiten und bin gespannt, was ich noch alles von ihm lernen darf.

Wie ist es bei euch? Arbeitet ihr mit eigenen Pferden und was macht ihr, wenn diese irgendwann älter werden?


Zum Weiterlesen:

Wie man persönlich mit dem Altern eines Pferdes umgeht, beschäftigt nicht nur mich. Hier hat zum Beispiel Jeannette von A Life with Horses ebenfalls über ihre persönliche Erfahrung mit dem Thema berichtet.

Anna Stempel-Romano

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