Angst vor Pferden? Warum pferdegestütztes Coaching trotzdem helfen kann.

Vor kurzem hatte ich eine Coaching-Einheit mit einer Klientin, die sich trotz ihrer großen Angst vor Pferden dazu entschlossen hatte, sich von mir und meinen Pferden begleiten zu lassen.

Jetzt kann man sich natürlich Fragen: „Warum tut sie (sich) das (an)?“

Diese Frage kann ich in dem individuellen Fall natürlich beantworten. Zusätzlich zur Angst besteht bei der Klientin eine große Faszination und sie hat den Wunsch, ihre Angst zu überwinden, um in Kontakt mit Pferden zu kommen. Aber es gibt immer wieder die Situation, dass Klienten zu mir kommen, die (eigentlich) Angst vor Pferden haben. Und das mit den unterschiedlichsten Gründen!

Darum möchte ich den aktuellen Fall als Anlass dazu nehmen, meine allgemeinen Gedanken dazu aufzuschreiben, warum Pferde auch einem Klienten mit Angst weiterhelfen können und was ich als Coach und Begleiterin beachten sollte, damit sich das Coaching für alle Beteiligten positiv gestaltet.

Die Angst und der Klient

Ein Mensch, der sich – trotz seiner Angst vor Pferden – der Herausforderung eines pferdegestützten Coachings stellt, ist für mich vor allem eines: Ein Held! Warum? Weil es sowieso schon einen Haufen Mut braucht, sich mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung auseinander zu setzen. Sich für diese Arbeit zeitgleich einer Angst zu stellen bewundere ich enorm.

Die Funktion von Angst

Angst an sich ist etwas zutiefst menschliches, um nicht zu sagen tierisches ;-). Sie hat die Funktion, uns zu schützen und vor Gefahren zu bewahren. Aus dieser Perspektive heraus ist die Angst – ich möchte sie an dieser Stelle lieber Vorsicht nennen – eigentlich etwas Positives. In dem Moment, in dem dem Klienten das bewusst wird und die Angst nicht mehr als Feind, sondern vielmehr als Freund verstanden wird, eröffnen sich ganz neue Perspektiven und es kommt teilweise sogar vor, dass sie plötzlich völlig unwichtig wird.

Foto: Pferdeschule

Die Angst und das Pferd

Grundsätzlich ist es so, dass Pferde (als Flucht- und Herdentiere) einen sehr feinen Instinkt für Gefahr haben. Sie können Gefahr förmlich riechen. Für ihr Überleben war es unter anderem notwendig, die Angst (z.B. von Artgenossen) wahrzunehmen, da sie als Zeichen für eine lauernde Gefahr gewertet werden kann. Sie werden daher auch die Angst eines Menschen extrem schnell und sensibel wahrnehmen! Und das deutlich bevor ich – als Begleiterin – sie wahrnehmen kann und manchmal sogar, bevor ein Klient sie selbst bewusst wahrnimmt.

Wie reagiert das Pferd auf Angst?

Ein Pferd, das Angst wahrnimmt, wird in seiner Reaktion am ehesten selbst mit Angst oder zumindest Unruhe oder Verunsicherung reagieren. Als Fluchttier wird es nicht „auf die Idee kommen“ dass es selbst der Auslöser für diese Angst sein könnte. Es wird also versuchen, die Ursache für die wahrgenommene Angst im Außen zu suchen. Es wird unruhig werden, sich umsehen und vielleicht auch versuchen, von der Quelle der Angst (dem Menschen, dem es gerade begegnet) weg zu kommen.

Das kann schnell auch mal rasant werden. Was in den meisten Fällen die Angst des Klienten noch verstärken wird – was wiederum die Unruhe des Pferdes verstärkt usw…

Foto: Kerstin Rieber

Was braucht das Pferd, wenn Angst mit im Spiel ist?

Ein Pferd, das Angst wahrnimmt und aus diesem Grund unruhig wird, braucht meiner Erfahrung nach vor allem zwei Dinge: viel Ruhe. Und viel Raum!

Es gibt nur eines, was in einer solchen Situation gefährlicher ist, als ein Pferd, das in seiner Unruhe belassen oder vielleicht sogar noch bestärkt wird: Ein Pferd, das zusätzlich noch in die Enge gedrängt wird.

Wenn du als Coach also merkst, dass ein Pferd (vielleicht auch ohne dass der Begriff der Angst vorher im Raum stand) mit großer Unruhe reagiert, dann ist es wichtig, dass du im ersten Schritt das Pferd schützt: ihm also Ruhe und Raum gibst. Durch diesen Schutz des Pferdes wirst du immer auch deinen Klienten schützen.

Während das Pferd ausreichend Platz und Zeit hat, um zur Ruhe zu kommen, kannst du mit deinem Klienten klären, was in der Situation konkret vorgefallen ist, und wie ihr nun weiter vorgehen könnt.

Die Angst und der Coach

Für mich als Coach ist es extrem wichtig, möglichst schon im Vorfeld zu wissen, ob ein Klient Angst vor Pferden hat. Und wenn ja – warum er sich trotzdem für ein Pferdegestütztes Coaching entschieden hat.

Meiner Erfahrung nach gibt es hier vor allem zwei Typen: Entweder will ein Mensch sich seiner Angst ganz bewusst stellen (z.B. weil ihn Pferde faszinieren, oder weil er grundsätzlich das Thema „Umgang mit Angst“ für sich angehen möchte) Oder er fühlt sich aus irgendeinem Grund „verpflichtet“ am Coaching teilzunehmen (z.B. weil er von seinem Vorgesetzten oder einer anderen Person zum Coaching geschickt wurde, oder weil es sich um ein Team- oder Paarcoaching handelt).

Wie sollte der Coach reagieren, wenn Angst im Spiel ist.

Wenn ich als Coach weiß, das ein Klient großen Respekt oder sogar Angst vor Pferden hat, dann sind für mich zwei Dinge wichtig:

  1. Ich muss den Menschen schützen.
  2. Ich muss das Pferd schützen

Das Gute ist, dass beides eng miteinander verbunden ist und der Schutz des einen immer auch das andere schützt.

Grundlage dabei ist für mich, dem Menschen so viel Handlungsspielraum und so viel Sicherheit wie möglich zu geben. Wie das genau aussieht, entscheidet sich in der jeweiligen Situation. In der Regel gebe ich einem Klienten mit Angst zunächst einfach „Rückendeckung“. Ich folge ihm vor allem zu Beginn der Begegnung mit dem Pferd auf Schritt und Tritt. Dabei bin ich komplett passiv und greife nur dann in die Kommunikation ein, wenn ich eine von beiden Parteien schützen muss. Oft geht es relativ schnell, dann signalisiert mir der Mensch, dass es jetzt auch ohne mich geht.

Foto: Kerstin Rieber

In extremen Fällen kann es auch sein, dass die Arbeit mit dem Pferd zunächst komplett hinten an gestellt wird. In einer solchen Situation greife ich verstärkt auf die Beobachtung der Pferde aus der (sicheren) Entfernung und auf verschiedene erfahrungsbezogene Methoden aus Coaching und Beratung zurück, die nicht primär etwas mit den Pferden zu tun haben. In den meisten Fällen sinkt im Laufe einer Coaching-Einheit oder eines Seminartages die Angst so weit, dass zumindest erste Schritte mit dem Pferd gegangen werden können.

Die Angst zum Thema machen?!

Wie ich schon geschrieben habe, ist es für mich enorm wichtig, dass die Angst zum Thema gemacht wird – einfach deshalb, weil ich nur dann gut für meinen Klienten und das Pferd sorgen kann.

Es bleibt aber die Frage offen, wie sehr ich, sobald ich weiß, dass ein Klient Angst hat, diese Angst zum Thema mache. Oder es ganz bleiben lasse.

Um diese Frage zu beantworten unterscheide ich zwei Situationen:

  1. Der Umgang mit Unsicherheit und Angst ist für den Klienten allgemein ein Thema. In diesem Fall wird die Angst vor dem Pferd als aktuell erlebtes Beispiel aufgegriffen und anhand dieses Beispiels erarbeitet. Die entwickelten Lösungsstrategien können dann direkt mit und am Pferd ausprobiert werden.
  2. Das Thema des Klienten hat mir der Angst nichts zu tun. In diesem Fall fokussiere ich – sobald die thematische Arbeit beginnt – auf die anstehenden Inhalte und schalte, so gut es eben geht, das Wissen um die Angst des Klienten aus. So, das ist meine Erfahrung, kann die Angst am Besten unwichtig werden und das eigentliche Thema in den Vordergrund treten.

Mein Fazit zum Thema Angst im pferdegestützten Coaching:

Als pferdegestützter Coach wird einem immer wieder das Thema Angst vor Pferden begegnen. Für mich sind in diesem Zusammenhang ein paar Aspekte besonders wichtig!

Die Angst beim Namen nennen

Erster und wichtigster Schritt ist für mich, die Angst beim Namen zu nennen. Bevor ich mit meinen Klienten in den Kontakt mit den Pferden gehe, stelle ich immer die Frage, welche Vorerfahrungen, Bedenken und gegebenenfalls Ängste im Zusammenhang mit Pferden vorhanden sind. Nur so kann ich für alle Seiten die richtigen Entscheidungen treffen.

Der souveräne Coach

In meinen Augen ist in diesem Zusammenhang vor allem eines wichtig: selbst keine Angst vor der Angst zu haben! Je souveräner ich als Coach mit der Angst der Klienten (und der Pferde) umgehe, um so schneller wird diese Angst sich verflüchtigen.

Zeit und Ruhe

Zusätzlich sind es Zeit und Ruhe, mit denen ich der Angst begegnen sollte. Sowohl der Klient als auch die Pferde brauchen beides um so mehr, je größer die Angst ist. Wenn ich als Coach es eilig habe oder selbst unruhig bin, wird sich das auf Mensch und Pferd übertragen und der Auflösung der Angst im Weg stehen. Wenn es mir selbst schwer fällt, zur Ruhe zu kommen, dann helfen mir kurze Achtsamkeitsübungen, um mehr in den Moment zu kommen und die Situation für alle Beteiligten gut zu bewältigen. (Auch für das Thema Achtsamkeit sind Pferde übrigens tolle Trainingspartner)

 

Wie ist es bei dir? Wie gehst du damit um, wenn deine Klienten Angst vor Pferden haben? Ich freue mich auf deinen Kommentar und deine Ideen!

 

Anna Stempel-Romano

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