Artgerechte Pferdehaltung – Grundlage für persönliche Entwicklung mit Pferden?

 

Anna Stempel-Romano

Hin und wieder werde ich gefragt, was für eine Ausbildung meine Pferde eigentlich haben, damit ich sie für meine Arbeit einsetzen kann. Oder ob ein Pferd bestimmte Anforderungen erfüllen muss, damit es sich für diese Arbeit eignet.

Meine Antwort ist immer die Selbe: Im Gegensatz zu einem Menschen, der mit Pferden und/oder Menschen arbeiten will, brauchen Pferde weder besondere Fähigkeiten noch eine spezielle Ausbildung. Es reicht, wenn sie „ganz sie selbst“ sind. Aber damit ein Pferd so natürlich agieren und reagieren kann, braucht es meiner Meinung nach eben doch die eine oder andere Voraussetzung. Neben einer guten Sozialisation – die durch ein Aufwachsen mit andern Fohlen in einer Herde gewährleistet wird und einer guten Gewöhnung an den Umgang mit Menschen (inklusive der Grundausbildung, die alle Reitpferde erhalten sollten), ist es vor allem die artgerechte Haltung, die entscheidend dafür ist, ob sich ein Pferd dafür eignet, Menschen auf dem Weg der persönlichen Entwicklung zu begleiten.

In diesem Artikel gehe ich vorrangig auf die artgerechte Haltung ein.

Artgerechte Pferdehaltung – Die Grundansprüche des Pferdes

Um sich mit der Frage nach artgerechter Pferdehaltung intensiver auseinander zu setzen, muss man sich zunächst einmal mit den Grundbedürfnissen der Pferde beschäftigen. Und das heißt für mich, sich anzuschauen, wie Pferde leben, wenn sie in freier Wildbahn leben und die Lebensumstände dem entsprechen, wofür die Natur den Organismus Pferd perfektioniert hat.

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Leben in der Herde, mit der Möglichkeit sich frei zu bewegen und über viele Stunden am Tag zu fressen – artgerechte Pferdehaltung! (Foto: Privat)

Das Pferd als Steppentier

Pferde stammen ursprünglich aus weiten Graslandschaften. Sie ernähren sich „im Gehen“ von Gräsern, Kräutern und Sträuchern und sind so ca. 16 Stunden am Tag fressend in Bewegung. Sie ruhen im Stehen und legen sich nur dann zum schlafen hin, wenn sie sich absolut sicher fühlen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sie eine gute Übersicht über die Situation haben. Bei Gefahr sind sie jederzeit bereit, zu flüchten. Durch Zucht und unterschiedliche Anforderungen an verschiedene Rassen kann man heute nicht mehr unbedingt von einheitlichen, für alle Pferde geltenden Verhaltensweisen ausgehen. Hierauf genauer einzugehen würde den Rahmen des Artikels sprengen. Daher sei an dieser Stelle nur gesagt, dass je nach Pferdetyp unterschiedliche Verhaltensweisen und Bedürfnisse zu berücksichtigen sind.

Das Pferd als Herdentier

Pferde leben in freier Wildbahn in Herdenverbänden die entweder aus einem Hengst, seinen Stuten und deren Fohlen bestehen oder aber aus einer Gruppe (Jung-)Hengste ohne eigene Suten. Dieses Leben in Gruppen sichert für die Pferde das Überleben. Das Leben in sozialen Zusammenschlüssen bietet  jedem Herdenmitglied Schutz und Geborgenheit. Die Familienverbände sind dabei im Gegensatz zu den Junggesellengruppen stabiler und bleiben oft jahrelang in ähnlichen Konstellationen bestehen bleiben.

Für Pferde, die unter menschlicher Obhut leben, ist aus diesem Zusammenhang vor allem eines

Wichtig: Das Leben in sozialen Zusammenschlüssen bietet  jedem Herdenmitglied Schutz und Geborgenheit. Egal ob als Familienverband mit einem Hengst und mehreren Stuten, als „Junggesellengruppe“ oder als gemischte Herde. Pferde brauchen – um gesund zu bleiben und ausgeglichen mit uns zusammen arbeiten zu können – ein soziales Gefüge aus anderen Pferden.

Wenn du noch etwas mehr über die Bedürfnisse der Pferde erfahren möchtest, findest du bei Zwinkerlings Reitsportblog eine ganze Reihe zu dem Thema.

Wie lassen sich diese Grundansprüche der Pferde auf artgerechte Haltung umsetzen?

Wenn man sich diese Grundbedürfnisse der Pferde vor Augen führt, dann wird schnell klar, dass die Haltung in einer kleinen, dunklen Box, ohne die Möglichkeit, Kontakt zu Artgenossen aufzunehmen sicherlich nicht artgerecht ist. Aber wie sieht artgerechte Haltung denn nun ganz konkret aus?

Grundbedürfnisse befriedigen

Pferde brauchen frische Luft, Bewegung und viele Stunden am Tag Zugang zu Heu. Stall und Auslauf sollten übersichtlich sein und den Pferden die Möglichkeit bieten, in Momenten, in denen sie sich bedroht fühlen zu fliehen. Außerdem brauchen sie ausreichend Platz, um sich zu bewegen und Sozialpartner – also andere Pferde – um sich wirklich wohl zu fühlen.

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Staubdusche gefällig? (Foto: Privat)
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Auch die Möglichkeit sich im „Dreck“ zu wälzen gehört zum Thema artgerechte Pferdehaltung dazu. (Foto: Privat)

Wenn nun Ruhezone, Futter und Wasser dicht beieinander liegen, dann kann der Paddock (Auslauf) auf dem sich die Pferde bewegen können noch so groß sein, die Pferde werden sich auf dem kleinen Raum rund um Futter und Wasser aufhalten – Energiesparen ist ein Prinzip, das die Natur perfektioniert hat.

Mit der reinen Befriedigung von Grundbedürfnissen ist es demnach in meinen Augen nicht getan.

Bewegungsanreize bieten

Es ist also an uns Menschen, den Pferden „natürliche“ Bewegungsanreize anzubieten. So, oder zumindest so ähnlich, wie sie auch in freier Wildbahn anzutreffen sind. In der Natur finden Pferde überall kleine Mengen Futter. Wenn sie stehenbleiben würden, wäre der Bereich um sie herum jedoch schnell komplett abgegrast. Also heißt es weiter gehen. Eine vergleichbare Situation können wir für die Pferde schaffen, wenn wir ihnen an unterschiedlichen Stellen im Paddock Heu anbieten. Der Anreiz, von einer Fressstelle zur nächsten zu wandern stellt sich spätestens dann ein, wenn die erste „Wiese“ leer gefressen ist. Wasser solllte im Gegensatz dazu nur bedingt als Bewegungsanreiz verwendet werden, da ein (zu) weiter Weg zum Wasser dazu führen kann, dass zu wenig getrunken wird. Weitere Möglichkeiten, den Pferden die Bewegung „schmackhaft“ zu machen sind beispielsweise Stationen für Salz- oder Minerallecksteine oder Kratzbäume.

Bild Paddock Trail
Lange Laufwege zwischen den einzelnen Funktionsbereichen dienen als Bewegungsanreize für die Pferde. Vorne: Unterstand mit Schlafplatz, hinten: Heuraufe. (Foto: Privat)

 

Eine Möglichkeit, Pferden ein solches „Wohnerlebnis“ auch auf relativ kleinem Raum anzubieten ist die Einrichtung eines sogenannten Paddock-Trails oder eines Bewegungs-bzw. Aktivstalls. In allen genannten Fällen geht es darum, dass durch die räumliche Trennung von Fress-, Sauf-, Schlaf- und anderen Bereichen die Pferde dazu angeregt werden, sich vermehrt zu bewegen.

Wie wirkt sich artgerechte Haltung auf das Pferdeverhalten aus?

Das entlastet übrigens auch den Menschen. Wenn ein Pferd, das in einer solchen Haltungsform lebt, mal einen Tag nicht geritten oder „bewegt“ wird, dann bewegt es sich eben trotzdem. So hat diese Haltungsform, quasi nebenbei, positive Auswirkungen auf Verhalten, Trainingszustand und Ausgeglichenheit.

Pferde im Trail
Auf dem Weg von der Wasserstelle (hinten links) zum Paddock. (Foto: Privat)

 Körperliche Gesundheit

Artgerechte Pferdehaltung wirkt sich zum einen auf die körperliche Gesundheit der Pferde aus. Muskulatur und Bewegungsaparat werden täglich auf ganz natürliche Weise beansprucht und trainiert. Die Möglichkeit über den Tag verteilt immer wieder zu fressen, tut den Verdauungsorganen der Pferde gut… Das bedeutet, dass wir unseren „Arbeitspartner“ Pferd durch artgerechte Haltung langfristig gesund und fit halten können. Also ganz in unserem Sinne – und in dem unserer Pferde. Jayanthi Thaler von fühlend-reiten hat sich zu diesem Thema einige Gedanken gemacht und Experten für Pferdegesundheit befragt, was sie zu artgerechter Haltung zu sagen haben. Hier findest Du die Ergebnisse.

Psychische Gesundheit

Die Folge nicht artgerechter Haltung können verschiedene Verhaltensauffälligkeiten sein, auf die ich in diesem Artikel nicht genauer eingehen möchte. Natürlich ist es aber für die persönlichkeitsentwickelnde Arbeit mit Pferden wichtig, nicht nur körperlich sondern auch psychisch gesunde Pferde zu haben. Nur so können sie die natürlichen Reaktionen zeigen, die ich für meine Arbeit brauche und die als Reflexionsbasis für die Menschen dienen, die sich mit der Unterstützung der Pferde weiter entwickeln wollen.

Ein Pferd das artgerecht leben darf und sich somit den ganzen Tag in Ruhe bewegen kann wird mir in dem Moment in dem ich es zum Arbeiten aus dem Stall hole, viel ausgeglichener begegnen als ein Pferd, das die letzten 12-24 Stunden in einer Box verbracht hat. Natürlich sind hier viele Zwischenstufen möglich und es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Dennoch lässt sich aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass ein Pferd, das in einer großen Paddockbox lebt und täglich mehrere Stunden auf die Weide kommt trotzdem deutlich unausgeglichener ist als eines, das sich den ganzen Tag frei bewegen kann und das selbst entscheiden kann, wann es fressen und wann es herum laufen möchte.

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Nur ein Pferd, das körperlich und physisch gesund ist und seine Bedürfnisse nach frischer Luft, Bewegung, ausreichend Futter und Kontakt zu Artgenossen befriedigen kann, kann Menschen bei ihrer Entwicklung begleiten. Foto: Pferde-Schule

Wie das Leben in artgerechter Haltung das Verhalten von Pferden verändern kann, das konnte auch Miri von MeinFaible beobachten, als Ihre Stute in einen Aktivstall umziehen durfte.

Einige Menschen finden es vielleicht einfacher und angenehmer, ein sauberes Pferd aus der Box zu holen anstatt sich erstmal mit dem abkratzen diverser Dreckschichten beschäftigen zu müssen, bevor mit dem Pferd gearbeitet werden kann. Aber wenn man mit physisch und psychisch gesunden, nervenstarken und ausgeglichenen Pferden zusammenarbeiten will, dann ist es meiner Meinung nach unerlässlich, die Haltungsfrage zum Wohle des Pferdes zu entscheiden. Auch Lina von Nordfalben fragt sich, wie weit man als Mensch für artgerechte Pferdehaltung gehen kann und sollte.

Die psychische Gesundheit der Pferde mit denen wir arbeiten ist also wesentliche Grundlage dafür, dass sie gerne mitarbeiten und dass sie fein und natürlich auf uns und unsere Bitte um Zusammenarbeit reagieren. Nur in dieser Freiwilligkeit und vor allem mit ihren ganz natürlichen Reaktionen auf uns und unser Verhalten können Pferde zu Partnern für unsere Entwicklung werden.


Zum weiterlesen:

Handbuch Pferdeverhalten*

 

Anna Stempel-Romano

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