Auf dem Rücken eines Pferdes durch die Pubertät

Die Pubertät ist  die Phase im Leben, in welcher sich ein Kind zu einer/m Erwachsenen entwickelt. Es ist der Zeitraum, in dem sich die Persönlichkeit festigt: Man probiert sich aus und stößt an seine Grenzen, löst sich von der eigenen Familie,  Freunde werden wichtiger, man entscheidet sich für und gegen Hobbies. Kurz: Es ist eine Zeit des Umbruchs, der Veränderung und der Beginn einer eigenständigen, selbstbestimmten Lebensplanung. Egal wie lange die Pubertät her ist, jeder weiß: es ist nicht immer einfach – weder für einen selber, noch für die Menschen um einen herum. Sich zu finden, sich zu fragen: „Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie wirke ich auf mein Umfeld?“

Doch was hat dieses Thema mit Pferden zu tun? Ich finde eine ganze Menge! Pferde spielen nicht erst in der Pubertät eine Rolle, sondern oft schon davor, manchmal auch danach. Ich möchte Euch meine Geschichte erzählen, wie mich die Pferde durch meine Pubertät begleitet haben und was ich durch sie in dieser Zeit gelernt habe.

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Anna Stempel war seit meiner Kindheit meine „Reitlehrerin“. Die Meisten würden ihre Funktion in meinem Leben wohl so nennen. Ich glaube eher sie war meine „Pferde-Vermittlerin“, denn weder brachte sie mir nur das Reiten bei, noch lehrte sie dabei eine unanfechtbare Lehre. Viel eher vermittelte sie mir die Art und Weise, die mir ermöglicht, mit Pferden zu kommunizieren. Davon war Reiten ein Teil, aber eben nicht alles. Während ich lernte, vermittelte sie zwischen mir und den Tieren. Anna beobachtete meine Entwicklung von einem Kind zu einem Teenager zu einer jungen Erwachsenen „von außen“ und wird deshalb meine Geschichte aus ihrer Sicht kommentieren.

 

Der Anfang – erster Kontakt zu Pferden

Meine Pferdeliebe begann vor der Pubertät. Schon mit knapp 2 Jahren saß ich das erste Mal bei einer Freundin meiner Mutter auf dem Pferd.

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Ich lag meinen Eltern so lange in den Ohren, bis ich ein Mal in der Woche zu geführten Ausritten durfte. Als ich in die Grundschule kam, wollte ich mehr Pferde-Kontakt. Ich fing an zu voltigieren. So kam ich zu Anna und auch zu Randver. Randver war Annas Isländer Wallach, ein schlaues, neugieriges, gelassenes Pferd.

Einige Jahre später machte Anna ihr Abitur, ich muss also etwa 10 Jahre alt gewesen sein. Es zeichnete sich ab, dass Anna ein längeres Praktikum machen und deshalb einige Zeit Freiburg verlassen würde. Ich weiß nicht wessen Idee es war, aber ich begann reiten zu lernen, damit ich auf Randver aufpassen konnte.Obwohl ich so klein war, wurde mir das erste Mal in meinem Leben ein so großes Lebewesen anvertraut – und ich wiederum vertraute mich diesem Lebewesen an.

Cathi 2004

Ich nahm so auch die Verantwortung an, die mir angeboten worden war. Nie hatte ich Angst auf unseren gemeinsamen Ausritten. Ich wusste, dass ich immer auf Randver zählen kann und auch, dass er immer den Weg zurück finden würde, wenn wir uns verritten hatten.Es war nicht immer einfach: Randver überlegte sich oft und ausgiebig, wie viel er sich von einem kleinen Mädchen sagen lässt; ich musste oft mit ihm „diskutieren“. Doch mit Annas Unterstützung hielt ich durch und lernte, dass „Dranbleiben“ sich lohnt und dass das Ergebnis mich Stolz macht.

Einige Jahre zuvor hatten sich meine Eltern getrennt, ich musste mich mit der neuen Situation arrangieren. Das war nicht einfach. Wenn ich aber bei Randver war, konnte ich mich auf das Hier und Jetzt mit dem Pferd einlassen. Ich musste sogar, denn Pferde sind immer im Moment, nie in der Vergangenheit oder der Zukunft. Meine Pferdetage gaben meiner Woche einen Rhythmus. Der Stall gab mir einen Zufluchtsort, an dem ich „Ich“ sein konnte, wo ich (von Pferden und Menschen) akzeptiert wurde, wie ich war.

Cathi 2007

Die Anfänge

Als Cathi damals zu mir ins Kinder-Voltigieren kam, war sie eines von mehreren kleinen Mädchen, die einmal in der Woche kamen, um neben dem Voltigieren vor allem den Umgang mit dem Pferd bei mir zu erlernen. Eine von vielen – und doch ganz anders. Relativ schnell stellte ich fest, dass für sie der Umgang mit dem Pferd und das Reiten mehr waren als reiner Zeitvertreib. Sie legte während der Zeit, die sie bei mir und Rrandver verbrachte immer eine große Ernsthaftigkeit an den Tag. Egal, was gerade ihre Aufgabe war, sie nahm sie ernst und erledigte sie zuverlässig. So war es kein Zufall, dass ich sie zunehmend förderte und ihr auch die eine oder andere verantwortungsvolle Aufgabe übertrug.

Sie übernahm als für mich logische Schlussfolgerung darauf irgendwann eine Reitbeteiligung auf Randver und war dementsprechend auch während meines zweimonatigen Praktikums für seine Versorgung verantwortlich. Von außen betrachtet und für sich alleine gesehen mag diese frühe Übertragung von Verantwortung vielleicht „unverantwortlich“ erscheinen. Nun hatte ich jedoch selbst bereits im Alter von 12 Jahren mit Randver mein erstes eigenes Pferd übernommen und wusste Cathi auch während meiner eigenen Abwesenheit sowohl durch meine, als auch durch ihre Eltern gut betreut.

In der Pubertät – die Pferde bleiben wichtig

Ich kam in die Pubertät. Das heißt, ich veränderte mich, was aber konstant im meinem Leben blieb, waren die Pferde. Immer schon hatte ich gespürt, wie sie mich erden, mich stabilisierten und gab dieses Gefühl nie auf. Obwohl ich anfing, auszugehen war mir mein Pferde-Sonntag immer wichtiger als die beste Party am Samstagabend. Ich weiß, dass mich viele Gleichaltrige in dieser Zeit nicht verstanden. Aber meinem Instinkt folgend (was ich übrigens in meiner Kindheit von den Pferden gelernt hatte) tat ich das, was mir gut tat.

Cathi 2008

Ich fing an über mein Hobby zu reflektieren und bemerkte, dass Pferde den Menschen einen Spiegel vorhalten. Von Anna lernte ich viel über Körpersprache von Mensch und Pferd und bemerkte, dass vieles nicht nur mit Pferden, sondern auch mit Menschen funktioniert. Seitdem lief ich mit selbstbewussterer Körperhaltung durchs Leben. Ich lernte außerdem meine „Außenwirkung“ einzuschätzen und bewusst meine Körpersprache im Alltag einzusetzen.

Cathi 2010

Während ich älter wurde, bekam ich mehr Verantwortung anvertraut – viele Außenstehende fanden, dass ich zu viel Verantwortung „aufgeladen“ bekam. Vor allem die, die nie verstanden, dass Pferde für mich nicht „nur“ Tiere sind, dachten das. Wie auch schon zuvor, schöpfte ich aus der Verantwortung Kraft, denn ich war stolz darauf, dass ich 3 in der Halle frei laufende Pferde (Annas Herde war inzwischen um 2 Großpferde gewachsen)nur durch meine Körpersprache lenken konnte, dass ich alle gleichzeitig zur Weide bringen konnte, dass Dressurlektionen plötzlich gelangen und dass mir die Pferde vertrauten.

Begleitung durch die Pubertät – wie nebenher.

Immer wieder kommen Menschen zu mir, um mit meiner Hilfe von den Pferden zu lernen und um sich weiter zu entwickeln. Meist sind es Erwachsene, manchmal auch Jugendliche. Sie besuchen ein Seminar bei mir oder sie lassen sich von mir und den Pferden eine Weile im Einzelcoaching begleiten. Vieles von dem was diese Menschen lernen wollen hat Cathi „nebenher“ durch den regelmäßigen Kontakt mit den Pferden erfahren und für sich in ihr Leben integriert. Für mich war die Begleitung damals vor allem Alltag. Für Fragen stand ich zur Verfügung und beim regelmäßigen Reitunterricht ging es immer wieder auch – wie nebenher – um Persönlichkeit, innere und äußere Haltung sowie Selbstreflexion. Dass  sich durch die Übernahme von immer mehr Verantwortung wie von selbst Cathis Selbstbewusstsein gesteigert hat, freut mich um so mehr, als es genau das ist, was ich bei Menschen durch meine Arbeit mit den Pferden auslösen möchte!

 

Rückblick – was ich von den Pferden während der Pubertät gelernt habe

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Durch meine Zeit mit den Pferden habe ich einiges gelernt:

Ich lernte,

  • nicht nur die Kommunikation mit den Pferden und das Reiten, sondern auch Prioritätensetzung und Organisation;
  • Unabhängigkeit, denn ich fuhr mit dem Zug und dann Rad alleine zu den Pferden;
  • Zeitmanagement, denn ich musste dummerweise ja auch noch in die Schule gehen und Hausaufgaben machen;
  • dass ich mir die „Pferdezeit“ und die Stallarbeit einteilen muss;
  • Zuverlässigkeit, nämlich, dass ich mich verbindlich für bestimmte Tage und Pferde eintrug;
  • dass ich, falls ich mal nicht konnte,Vertretung organisieren muss, sonst würden die Pferde „leiden“;
  • dass ich auch mal etwas verpassen kann, ohne dass die Welt untergeht. Dabei lernte ich auch, wer echte Freunde sind, die mich mit meinem zeitintensiven Hobby akzeptierten;
  • mich an feste Regeln zu halten (Stichworte Stallordnung und Bahnregeln);
  • mit Menschen verschiedener Altersgruppen, Herkunft, Bildungshintergrund zu kommunizieren und mit ihnen klar zu kommen (in großen Ställen sind meist viele verschiedene Charaktere und Persönlichkeiten zu finden…);
  • den Wert von Geld zu begreifen und später damit umzugehen. Denn immer wieder war es eine familieninterne Diskussion, ob meine Reiterei nicht zu teuer sei und ob das denn wirklich sein müsste;
  • was Jahreszeiten sind, ich lernte bei vielen Ausritten die Natur kennen und schätzen, ich lernte mich zu erden;

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Außerdem lernte ich,

mein Wissen, zumindest ein bisschen, weiterzugeben, als ich meinen Freund zu den Vierbeinern mitschleifte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass Pferde nicht nur vorne beißen, in der Mitte rutschig sind und hinten treten. Kurz, ich lernte meine Rolle aktiv (von Schülerin zu Lehrerin) zu wechseln. In dieser Zeit ergab es sich auch, dass meine Mutter darüber nachdachte, mir Randver zu kaufen. Leider wurde daraus nichts, weil nicht die ganze Patchwork-Familie hinter dieser Idee stand – nicht ideell und nicht finanziell. Ich musste auch lernen, mit dieser Enttäuschung umzugehen. Eine weitere Kompetenz, die man zwar auch in der Kindheit lernt, aber in der Pubertät festigt, ist die Art und Weise wie man mit Enttäuschungen umgeht.

Rückblickend denke ich, dass all das Gelernte zu wichtigen Fähigkeiten wurden, die helfen, in unserer Gesellschaft zurecht zu kommen und ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu leben. In der Pubertät Pferde an der Seite zu haben, trägt ganz sicher dazu bei, diese turbulente Phase gut zu meistern und Schritt für Schritt erwachsen zu werden.

 

Was wurde gelernt – und vor allem: von wem?

Für mich ist es an dieser Stelle vor allem schön zu sehen, wie nachhaltig der Kontakt mit den Pferden bei Cathi seine Wirkung entfaltet hat. Zu lesen, was sie ihrer eigenen Meinung nach alles durch diesen Umgang für sich lernen konnte freut mich ungemein. Vor allem, weil ich meinen eigenen Anteil an dieser Entwicklung als relativ gering einschätze. Den Löwenanteil haben an dieser Stelle sicher die Pferde geleistet!


Du willst wissen, wie die Geschichte weiter geht? Dann lies hier nach.

About Cathi

5 comments on “Auf dem Rücken eines Pferdes durch die Pubertät

  1. Liebe Cathi,
    so ein schöner Artikel! Ich erkenne mich bei ganz vielen Sätzen wieder und fühle mich in meine Kindheit und Pubertät zurück versetzt. Ich hatte auch ein Pflegepony und eine Reitbeteiligung während meiner Jugendzeit und die Pferde standen immer an erster Stelle. Ich bin so froh, dass es mir immer so wichtig war und ich dadurch soviel gelernt habe.

    Danke für den tollen Artikel !

    1. Hallo Klaudia,
      wie schön, dass Dir der Artikel gefallen hat und Du dich an einigen Stellen wiedererkennst!
      Viele Grüße,
      Cathi

  2. Liebe Cathi, liebe Anna, über viele Jahre habe ich euch Beide – bzw. inkl. Randver zu dritt – mitbekommen! Es hat mir viel Freude gemacht, nun diesen wunderbaren Artikel zu dieser Zeit zu lesen! Und der Titel – der auch mir besonders am Herzen liegt – ist wirklich super ausgefüllt!
    Dir Cathi weiter viel Freude mit Randver und einen ganz dicken Kuß von mir auf seine weiße Blesse!
    Siggy

    1. Liebe Siggy,
      es war wirklich ganz besonders die Zeit nocheinmal revue passieren zu lassen, dieses kleine Pferd hat wirklich viele Menschen für lange Zeit zusammengeschweißt! Schön, dass Du unseren Artikel gerne gelesen hast.
      Ich richte Randver Grüße und Küsse aus!
      Cathi

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