Interview mit Nora Ringhof

Foto: Nora Ringhof

Ich bin Nora Ringhof und ich bin seit 16 Jahren Lehrtherapeutin, Dozentin und Supervisorin der Arbeitsgemeinschaft Reiten und Therapie e.V. Im Bereich der Fort- und Weiterbildung des Instituts für Pferdegestützte Therapie in Konstanz unterrichte und coache ich Fachkräfte aus den Bereichen der Reittherapie und dem Gesundheits- und Sozialwesen.

Bereits seit 19 Jahren arbeite ich mit Pferden und Menschen, seit 2002 als selbstständige Unternehmerin und Geschäftsführerin eines Therapiehofes (www.reittherapie-ringhof.de) mit multiprofessionellem Team.

 

Als Systemische Coachin (www.coaching-ringhof.de) begleite ich Einzelpersonen und Unternehmen und setze(meine) Pferde hier wirksam ein.

Meine Passion ist, ein individuelles Coaching- und Therapiesetting für meine Klienten zu gestalten, das, geprägt von systemischer Haltung, lösungsorientiert und effektiv Handlungs- und Entwicklungspotenziale eröffnet.

Wie war dein ganz persönlicher Weg zu und mit den Pferden?

Grundlage meines ganz persönlichen Zugangs zu Pferden,aber auch meiner professionellen Laufbahn,istsicherlich meine heute 40 Jahre alte Stute Fatima. Unser gemeinsamer Weg begann im Sommer 1985. Er war und ist geprägt von Respekt, Freundschaft, Verantwortung, Freiheit, Freude, gegenseitigem Lernen und tiefer Dankbarkeit.

Als Kind war die Ponystute Lehrmeisterin, Sportpartnerin, Freundin, Zuhörerin und Vertraute. Ich erinnere mich an eine wunderschöne Kindheit im Stall und an die absolute Freiheit von wilden Ausritten durch die Weinberge aber auch daran, morgens früh aufzustehen und vor der Schule bereits zu füttern. Monatelang hatte ich auf Taschengeld verzichtet, um meine Eltern zu entlasten, die die Kosten für eine teure Behandlung des Ponys getragen haben. Ich erinnere mich daran, wie gut Fatima schon immer gerochen hat, und daran, wie klar ich ICH sein konnte in ihrer Nähe. Wie oft sie mir, auch später noch, spiegelte, dass ich erst ins Hier und Jetzt kommen muss, um Ruhe zu finden, anzukommen. Ich erlebte tagtäglich, dass das Pferd mich unvoreingenommen annimmt, mir freundlich begegnet und ein echtes, offenes Interesse an Kontakt und Kommunikation mit MIR hat.

Dies bildete die Grundlage für meinen Wunsch, mit Pferden und Menschen zu arbeiten.

 

Welche Erlebnisse hattest du, die dich darin bestärkt haben, dass pferdegestützte Persönlichkeitsentwicklung der richtige Weg für dich ist?

Ich bin in der glücklichen Lage, fast täglich erfahren zu dürfen, dass pferdegestützte Interventionen spannend, innovativ und effektiv sind. Die Zusammenarbeit mit dem Pferd tut nicht nur meinen Klienten gut. Ich selbst bin nach einem langen Tag mit pferdegestütztem Coaching, im Gegensatz zum klassischen Setting, noch energiegeladen. Häufig genieße ich nach Abreise der Teilnehmer die friedliche Nähe der Tiere und setze mich noch einen Moment zur grasenden Herde.

Ein beispielhaftes Erlebnis möchte ich dennoch darstellen:

Im Rahmen des Coachings eines Teams aus Fachkräften eines Flüchtlingsnotaufnahmelagers 2016 berichteten die Helferinnen im Erstgespräch, ausgelaugt, kraftlos und hilflos zu sein. Die Situation im Team sei verfahren. Das Veränderungs- und Ressourcenpotenzial skalierten die Pädagoginnen bei 2 von 10, während wir uns im Seminarraum befanden. An der Weide angelangt, die Pferdeherde beobachtend, stellte ich nur 20 Minuten später die gleiche Frage: „Wie beziffern Sie das aktuelle Veränderungs- und Ressourcenpotenzial Ihres Teams auf einer Skala von 1 bis 10 in diesem Moment?“ Alle vier (bisher pferdeunerfahrenen) Teilnehmerinnen antworteten spontan mit „5“.Das spricht für sich.

 

Welche Schritte bist du gegangen, um dich gut für die Tätigkeit als pferdegestützter Coach, Therapeut etc. aufzustellen?

Grundlage ist natürlich mein Studium der Sozialpädagogik, die Weiterbildung als Reittherapeutin und systemische Coachin. Hinzu kommen Fort- und Weiterbildungen im Bereich Erlebnispädagogik, Gesprächspsychotherapie, Psychotraumatologie, Mediation, Moderation, Krisen- und Konfliktmanagement, Leadership,

Fatima – Foto: Nora Ringwald

Horseassistedcoaching, etc.Im hippologischen Bereich sind fundierte Kenntnisse als Trainer, in der Verhaltenspsychologie des Pferdes, Pferdehaltung, Ausgleichstraining und Pferdephysiotherapie in meinem Werdegang ausschlaggebend.Stetige Fort- und Weiterbildung(Komma weg) sowie interdisziplinäre Kooperation sind in meinen Augen unabdingbarer Indikator für ein qualitativ hochwertiges menschen-und pferdegerechtes professionelles Handeln.

Letztlich profitieren meine Klienten, Pferde und ich natürlich von der langjährigen Erfahrung im Kontext pferdegestützter Interventionen. Und ich darf immer wieder als Coachin oder Lehrende selbst Lernende sein. Es sind Begegnungen auf Augenhöhe, die die Arbeit in der Triade (Klient-Coach-Pferd) für alle Beteiligten so wertvoll machen.

 

Was bedeutet „pferdegestützte Persönlichkeitsentwicklung“ für dich?

Psychologische und philosophische Definitionen und die Diskussion dieser Theorien außer Acht lassend, möchte ich „pferdegestützte Persönlichkeitsentwicklung“ ganz kurz und knapp und subjektiv beschreiben:

Haflingerstute Tara – Foto: Nora Ringwald

Pferdegestützte Persönlichkeitsentwicklung verstehe ich als Dialog in der freien Begegnung zwischen Mensch und Pferd, begleitet durch einen professionellen Coach.

Von Bedeutung ist, was beim Klienten ankommt, was auf ihn in seiner aktuellen Situation gerade wirkt. Kommunikationsebene können Emotionen, körperliche Grundfunktionen (wie Atmung, Herzschlag, Muskeltonus, Hormonausschüttung,…), Mimik, Gestik, und (selten) Sprache sein.

Die Kombination aus archaischer Wirkung und Unvoreingenommenheit, klarer körperlicher Präsenzsowie die Tatsache, dass das Pferd sich immer im Hier und Jetzt befindet, wirkenbis in tiefe Ebenen der Persönlichkeit des Menschen. Im echten Dialog wird der Mensch damit konfrontiert, WER er ist. WAS er ist spielt keine Rolle. WIE er gerade agiert, spiegelt das Pferd – wertfrei.

Sich klar und über alle Sinne selbst erlebend, erfährt der Klient einen anderen Zugang zur eigenen Identität und zu unerschlossenen Potenzialen. Der Coach unterstützt– strukturierend, beobachtend, beschreibend, fragend – und sorgt für einen Rahmen, in dem sich Pferd und Klient geborgen und gefordert fühlen.

Was ist dein innerer Antrieb, Menschen mit der Unterstützung von Pferden bei ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten?

Ganz egoistisch: Ich liebe es, mit Menschen und Tieren im Kontakt zu sein.Ich möchte effektiv und wertschätzend unter Einsatz kreativer Methoden Ziele/Anliegen meiner Klienten erreichen/bearbeiten.

Was fasziniert dich an deiner Arbeit? Hast du dafür ein besonders eindrückliches Beispiel?

Dass auch das Pferd von der Arbeit profitiert, erlebe ich eindrücklich, wenn der Coach/Trainer es achtsam einsetzt. Es ist immer wieder beeindruckend, wie gerne meine Pferde arbeiten. Wenn ich sehe, dass meine verfressene Haflingerstute sich vom Gras abwendet, um sich einer Coachee zuzuwenden und sich voll einzulassen, obwohl sie jederzeit gehen könnte, bin ich fasziniert.

Was sind deine Pläne für die Zukunft – Wovon träumst du in Bezug auf pferdegestützte Persönlichkeitsentwicklung?

Pläne und Träume habe ich ganz viele. Das spränge den Rahmen eines Interviews.

Aktuell freue ich mich auf einige Publikationen und Vorträge, für die ich angefragt wurde, sowie tolle Projekte und inspirierende Kooperationen in 2017.

 


Weitere Wege zur pferdegestützten Persönlichkeitsentwicklung:

Jutta Waldvogel

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Gerhard Konir

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Anna Stempel-Romano

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