Ruhe und Gelassenheit beim Pferd – Den Alltagsstress gezielt hinter sich lassen

Anna Stempel-Romano

Gelassenheit oder Alltagsstress…?

Vor ein paar Wochen war ich mit einer Freundin zum Ausreiten verabredet. Wie das manchmal im Alltag so ist, war ich spät dran und wollte mich mit dem Putzen und Satteln von Malenka beeilen, damit meine Freundin nicht auf uns warten muss.

Schnell stellte sich heraus, dass das keine gute Idee war und ich die Rechnung ohne meine sensible Hannoveraner-Stute gemacht hatte. Es fing schon damit an, dass sie sich nicht – wie sonst – problemlos aufhalftern ließ, sondern ich sie regelrecht einfangen musste.

Anfassen und putzen findet meine Dame sowieso nur mittelgut. Vermutlich ist diese erhöhte Kontaktsensibilität auf ihre Borrelioseerkrankung zurück zu führen. Normalerweise haben wir das Thema aber gut im Griff. Ich weiß, an welchen Stellen ich besonders vorsichtig sein muss und sie lässt das Putzen mal mehr mal weniger gut „über sich ergehen“. Nicht so an diesem Tag. Um es kurz zu machen: es war ein einziges Rumgezappel und Ohrenangelege.

Stop – Durchatmen – in Ruhe weiter machen

Aus oben genanntem Grund findet Malenka auch das Satteln nicht besonders gut. Wenn es zu schnell, zu unvorsichtig oder zu unaufmerksam geschieht verkrampft sie sich. Das kann sogar so weit gehen, dass ihr die Beine unterm Körper wegklappen. Auch hier haben wir im Lauf der Zeit ein für beide Seiten gut tragbares Miteinander entwickelt. Langsames Satteln mit viel Bewegungsfreiraum (Ja, auch Platzangst kann bei Pferden ein Symptom von Borreliose sein) und immer wieder warten, bis das Pferd sich entspannt hat. Spätestens an diesem Punkt wurde mir klar, dass ich auf dem bisher eingeschlagenen Weg hier nicht weiterkommen würde.

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Foto: Kerstin Rieber – kerstinrieber-fotografie

Ich atmete also einmal tief durch und ließ auch Malenka zur Ruhe kommen – meine Freundin musste warten!Nach ca einer Minute nahm ich den Kontakt zu Malenka wieder auf. Dann startete ich das Satteln neu. Diesmal mit mehr Ruhe und mit dem Fokus auf meine eigene innere Gelassenheit. Zu Beginn war Malenka noch unruhiger als sonst, aber dann entspannte sie sich nach und nach und ich konnte normal satteln. Mit einiger Verspätung trafen wir dann am Treffpunkt ein und konnten einen schönen Ausritt genießen.

 Warum erzähle ich diese Geschichte hier?

Meine Stute ist im Bezug auf ihr Bedürfnis nach Ruhe und Gelassenheit und nach gleichbleibenden, entspannten Abläufen vermutlich ein extremes Beispiel. Trotzdem möchte ich dieses Erlebnis aus zwei Gründen mit euch teilen:

Zum einen bin ich der Meinung, dass jedes Pferd Ruhe und Gelassenheit braucht und verdient hat. Pferde als Fluchttiere reagieren auf Unruhe und Stress natürlicher Weise sehr sensibel. Wenn in einer Pferdeherde ein einzelnes Pferd unruhig wird – noch dazu ein Ranghohes – dann wirkt sich das schnell auf die gesamte Herde aus.

Der andere Grund, warum ich mein Erlebnis mit euch teilen möchte ist gleichzeitig der Grund, warum es diesen Blog gibt: Ich bin der festen Überzeugung, dass der bewusste und reflektierte Umgang mit Pferden unsere Persönlichkeit nachhaltig schult und entwickelt.

 Gelassenheit oder „In der Ruhe liegt die Kraft“

Foto: Privat
Foto: Privat

Die Arbeit mit Pferden verlangt von uns Menschen, unsere Gefühlslage und unsere aktuelle Anspannungssituation ganz gezielt zu reflektieren und im besten Fall auch zu kontrollieren. Natürlich geht es auch anders. Aber wenn ich ein echtes Miteinander mit dem Pferd erleben möchte und wenn ich will, dass mein Pferd auch gerne mit mir zusammen ist und freiwillig mitarbeitet, dann werde ich um ein bisschen Selblstreflexion und um einen gewissen Lernprozess, meine Persönlichkeit betreffend, kaum herum kommen. Mein Pferd lehrt mich bestimmte Dinge. Vielleicht sogar, ohne dass ich es selbst so richtig merke.

Wenn ich mir die oben beschriebene Situation aus der Perspektive der Lernenden anschaue und Malenka in die Position meiner Lehrmeisterin versetze, dann geht es in dieser Lektion darum, Stress bewusst und gezielt hinter mir zu lassen und mich in eine entspannte und bewusste Verfassung zu bringen. Das Tolle bei der Sache ist, dass ich meinen Lernerfolg sofort sehen und spüren kann. In dem Moment, in dem ich es schaffe zur Ruhe zu kommen dauert es nur wenige Augenblicke, bis ich eine klare Reaktion meiner Stute bekomme. So macht Lernen spaß!

Und es kommt noch besser: Malenka ist eine sehr geduldige Lehrerin. Sie zeigt mir zwar unmissverständlich, wenn ich etwas mache, was ihr nicht passt. Und in solchen Situationen wird sie auch sehr deutlich. Aber sobald ich einen Lernschritt mache reagiert sie sofort und ist auch nie nachtragend. Nie muss ich mir anhören: „Das hab ich dir doch schon tausendmal gesagt – hörst du mir eigentlich zu?“. Auch wenn ich den gleichen Fehler zweimal oder noch öfter mache, bekomme ich immer die selbe Rückmeldung und immer noch eine Chance zum Lernen!

Foto: Pferde-Schule
Foto: Pferde-Schule

Was ich dafür brauche:

  • Geduld mit meinem Pferd aber vor allem mit mir selbst,
  • den Willen mich selbst weiterzuentwickeln
  • und eine gehörige Portion Selbstreflexion.

Und dann kann schon allein der Weg in den Stall, oder die halbe Stunde auf der Weide sitzen und die grasenden Pferde beobachten uns dabei helfen, zu uns selbst zu kommen und neue Wege zu gehen.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Ausprobieren und zur Ruhe kommen!

Eure Anna

 


Zum Weiterlesen:

 

Anja von Lehrmeister Pferd reflektiert über eine ähnliche Erfahrung: Und Putzen kann doch schön sein

Claudia von lenina01.at macht sich Gedanken zum Thema ist Mein Pferd – mein Therapeut? und darüber, dass du mit deiner Einstellung auch dein Pferd bewegst.

Was die eigene (Körper-)Mitte mit dem Umgang mit Pferden zu tun hat, das beschreibt Karo von Pferdefreunde in Die Sache mit der Körpermitte.

Auch bei den „Odenwälder Drachenreitern“ ist das Ausbrechen aus dem Alltag ein Thema.

Und Jayanthi von Fühlend Reiten wünscht sich ein Stop-Männchen, das ihr hilft, in entscheidenden Situationen langsam zu machen und sich zu besinnen.

Miri von meinFaible stellt hier eine ihrer Lieblingsübungen vor, bei der es genau darum geht, bedingungslos mit einem Pferd zusammen zu sein, um ihm Raum für eigene Entscheidungen zu geben. Diese Bedingungslosigkeit hat viel mit der von mir beschriebenen Achtsamkeit zu tun… aber lest selbst!

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