Selbstfürsorge als Sorge(n) für ein Pferd?

Anna Stempel-Romano

Selbstfürsorge – Was ist das eigentlich?

In unserem Alltag werden die meisten von uns sehr gefordert. Gesellschaftliche Anforderungen, berufliche und private Pflichten, Erwartungen von Freunden und Familie und nicht zu letzt die eigenen (hohen) Erwartungen an uns selbst zerren an uns. Schon seit längerem beschäftige ich mich damit, wie ich Menschen darin unterstützen kann, sich selbst zu stärken, um den Anforderungen ihres Lebens selbstsicher und selbstbestimmt zu begegnen. Nach verschiedenen anderen Ausbildungen in diesem Bereich, habe ich mich im letzten halben Jahr intensiv mit dem Thema Selbstfürsorge beschäftigt und mich zur „Fachkraft für Selbstfürsorge“ ausbilden lassen. Aber was heißt das eigentlich: Selbstfürsorge?

 

Selbstfürsorge ist die Praxis, gut auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu achten. Sich selbst ernst und wichtig zu nehmen.

Einen fürsorglichen und liebevollen Umgang mit uns selbst zu pflegen, ist uns meist eher ungewohnt. In der Regel sind wir sehr geübt darin, es Anderen recht zu machen, Andere zufrieden zu stellen. Uns selbst und die eigenen Bedürfnisse wirklich ernst zu nehmen – und uns auch die Befriedigung dieser Bedürfnisse zu erlauben – fällt uns daher oft schwer. Das ist mir beispielsweise bei meiner Arbeit mit Herrn W. besonders deutlich geworden, dem es so schwer gefallen ist, sich den Wunsch, mit Pferden zu lernen zu erfüllen. Du willst wissen, wer Herr W. ist?

Warum halte ich dieses Thema für relevant genug, um mich zum einen in diesem Bereich fortbilden zu lassen und ihm zum anderen eine eigene Artikelreihe auf diesem Blog zu widmen?

Ich sehe Selbstfürsorge als eine wesentliche Grundlage für die Sorge um Andere. Nicht nur – aber vor allem – in helfenden Berufen und in Berufen, in denen „mit Menschen“ gearbeitet wird, wird unsere Fähigkeit, uns in andere hinein zu fühlen und uns um andere zu sorgen sehr gefordert. Um so wichtiger ist es hier, auch gut auf uns selbst acht zu geben.

Gemeinsam unterwegs sein und füreinander Sorge tragen. So lässt sich Selbstfürsorge auch lernen. Foto: qay / pixelio.de
Gemeinsam unterwegs sein und füreinander Sorge tragen. So lässt sich Selbstfürsorge auch lernen. Foto: qay / pixelio.de

Dabei ist Selbstfürsorge viel mehr als nur „es sich auch mal gut gehen lassen“. Es bedeutet auch, sich intensiv mit sich selbst auseinander zu setzen, sich selbst so anzunehmen wir man ist und sich achtsam auf das einzulassen was ist.

Selbstfürsorge kann uns dabei helfen, langfristig ein gesundes und zufriedenes Leben zu führen. Aber es erfordert ein bisschen Übung und Ausdauer, um Selbstfürsorge für sich zu etablieren.

 

Selbstfürsorge als Sorge(n) für ein Pferd?

Wie komme ich nun auf die Idee, dass man Selbstfürsorge durch die Sorge um und für ein anderes Lebewesen praktizieren und üben kann? Die Arbeit mit und der Kontakt zu Pferden prägt mich seit vielen Jahren. In diesem Artikel möchte ich deutlich machen, wie sich die Grundlagen der Selbstfürsorge durch die persönlichkeitsentwickelnde Arbeit mit Pferden erlernen und üben lassen. Dabei gehe ich Schwerpunktmäßig auf die beiden Themen Achtsamkeit und Selbstliebe ein, was nicht bedeutet, dass das Thema Selbstfürsorge durch sorge(n) für ein Pferd damit erschöpfend behandelt wäre!

 

Achtsamkeit – Im Augenblick sein

Eine wichtige Grundlage für Selbstfürsorge ist die Achtsamkeit. Achtsamkeit bedeutet kurz gesagt: ganz im Augenblick sein. Sich auf das konzentrieren, was Jetzt gerade ist. Das ist etwas, was den wenigsten Menschen einfach so zufällt. In der Regel müssen wir uns für Achtsamkeit ganz bewusst entscheiden und auch üben, achtsam(er) durch unser Leben zu gehen. Wenn uns das gelingt, erhöht sich unser Freiheitsgrad und wir können eingefahrene Reaktionsmuster prüfen und bewusster agieren und reagieren. Pferde können hier eine wunderbare Unterstützung sein und uns Achtsamkeit lehren. Da sie unsere aktuelle Gedanken und Gefühle sehr sensibel wahrnehmen und entsprechend reagieren können wir von ihnen lernen auch selbst (wieder) mehr auf uns und unsere Gefühle und Gedanken zu achten. Ganz im Augenblick sein, das ist für Pferde – wie für alle anderen Tiere auch – kein ungewöhnlicher Zustand. Nur wir Menschen haben im Laufe unserer Entwicklung gelernt, uns um Vergangenheit und Zukunft zu sorgen und uns mit Dingen zu beschäftigen, die gerade nicht „da“ sind. Das ist nichts grundsätzlich Schlechtes. Es ist sogar für vieles, was unsere Gesellschaft und Kultur ausmacht unerlässlich. Dennoch kann es Sinn machen, immer mal wieder in den Augenblick zu kommen. Wahrnehmen was gerade ist.  Für die Pferde sind die Welt und das Leben immer so: Sie leben im Hier und Jetzt. Wenn wir uns mit ihnen auf den Weg machen, dann können wir von diesen Meistern der Achtsamkeit eine Menge lernen!

Achtsamkeit bedeutet, genau hinzuschauen und ganz im Moment zu sein. Pferden gelingt das spielerisch leicht.
Achtsamkeit bedeutet, genau hinzuschauen und ganz im Moment zu sein. Pferden gelingt das spielerisch leicht. Foto: Kerstin Rieber kerstinrieber-fotografie

Ich habe diese Erfahrung immer wieder selbst auch machen dürfen. Die Reaktion eines Pferdes darauf, dass ich nicht „bei der Sache“ bin ist für mich immer wieder neu ein Hinweis darauf, in den Augenblick zu kommen und mehr bei mir – und dem Pferd – zu sein. Du willst hierzu ein Beispiel? Dann lies den Artikel: Ruhe und Gelassenheit beim Pferd.

Tanja von tash-horseexperience geht – ähnlich wie ich – davon aus, dass Achtsamkeit der Schüssel zur Pferdefreundschaft ist. Und auch bei achtsamepferdefreunde findest du etwas über Achtsamkeit und was das mit Pferden zu tun hat.

 

Aber warum ist es so wichtig, sich in Achtsamkeit zu üben?

Vieles in unserem Leben beruht darauf, dass wir auf äußere Reize reagieren. Oftmals folgen wir dabei sehr eingeschränkten Reiz-Reaktionsmustern, die nicht immer dem entsprechen, was wir tatsächlich können oder wollen. Der erste Schritt, das zu verändern ist der, mehr in den Augenblick zu kommen und dadurch eine größere Entscheidungsfreiheit zu gewinnen. Es ist nicht garantiert, dass wir so immer so agieren können, wie wir das gerne würden, aber es eröffnet uns immerhin die Chance es zu tun. Oft identifizieren wir uns mit unseren Vorstellungen von uns und der Welt: „ich bin immer so gestresst“, „ich bin schüchtern und kann nicht auf fremde Menschen zugehen“, „andere Menschen sind viel erfolgreicher, entspannter (oder was auch immer) als ich…“ Dabei verwechseln wir unsere Vorstellung mit dem, was unsere tatsächliche Erfahrung der Realität ist. Hier kann es helfen, durch Achtsamkeit zur Ruhe zu kommen und (wieder) mehr auf uns selbst zu hören. So kann es uns besser gelingen, auch auf herausfordernde Situationen angemessen zu reagieren und Vertrauen in unsere eigene Kraft zu entwickeln. Dann kann Achtsamkeit uns beispielsweise dabei helfen:

  • uns nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft zu verlieren.
  • besonnener zu reagieren.
  • unsere eigenen Qualitäten und Kräfte zu erkennen und zu fördern.
  • dankbarer zu sein, für das, was wir haben.

 

Und wie macht man das jetzt?

Eine Möglichkeit ist es, unseren Körper und unseren Atem ganz bewusst wahrzunehmen und so zur Ruhe zu kommen. Das kann zum Beispiel in Form von gezielter Meditation passieren oder einfach dadurch, dass ich mich zwischendurch (vielleicht auch nur kurz) zentriere und zwei drei Atemzüge bewusst wahrnehme. So kann man Beispielsweise auch Anspannung einfach wegatmen, wie Karolina von Pferdefreunde das im Bezug aufs Reiten beschreibt. Das funktioniert natürlich ebenso gut ohne Pferd.

Eine andere Möglichkeit ist die, sich ganz auf das zu konzentrieren, was ich gerade tue. Mit den Pferden kann das beispielsweise das Putzen oder auch das Führen sein. Ein schönes Beispiel dafür findet ihr bei www.verwandert.de, wo Sarah über ihren ganz besonderen Meditationslehrer berichtet.

Die Aufmerksamkeit ganz auf den Augenblick zu richten, kann uns die Augen für die Schönheit des Momentes öffnen. Foto: Pferde-Schule
Die Aufmerksamkeit ganz auf den Augenblick zu richten, kann uns die Augen für die Schönheit des Momentes öffnen. Foto: Pferde-Schule

Eine andere schöne Möglichkeit, sich in Achtsamkeit zu üben beschreibt Lina von Nordfalben. Sie hat sich vorgenommen in Zukunft dankbarer zu sein. Um Dankbar sein zu können brauche ich zunächst eben auch eine gewisse Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für das, was ist.

Genauer darauf einzugehen, wie man Achtsamkeit konkret üben kann, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Für mich sind es oft die kleinen Augenblicke – das Aufgehen der Sonne, wenn ich morgens im Stall bin, um die Pferde zu füttern, das Zwitschern eines Vogels – die mich ganz in den Moment kommen lassen.

 

Eng mit der Achtsamkeit verknüpft – und somit ebenfalls wichtiger Bestandteil von Selbstfürsorge – ist die Selbstliebe. 

Selbstliebe – Grundlage für Selbstfürsorge

Sich selbst zu lieben – mit allen Ecken und Kanten – fällt den meisten Menschen schwer. Viele zweifeln daran, wirklich liebenswert zu sein. Selbstliebe bedeutet dabei, sich selbst mit der selben Freundlichkeit zu begegnen, die wir auch anderen Menschen entgegenbringen. Wie sich das auswirken kann und wie einem die eigene Körpermitte dabei helfen kann, mit sich ins Reine zu kommen, das kannst Du bei Karolina von Pferdefreunde nachlesen. Sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist, ist also eine schwierige Übung. Und  vielleicht kommt die Frage auf: „Aber wenn es Dinge gibt, die ich gerne an meinem Verhalten ändern möchte – bleibe ich dann nicht auf der Stelle stehen, wenn ich mich selbst so akzeptiere wie ich bin?“ Das Interessante an der Selbstliebe ist, dass wir uns durch die Akzeptanz, die wir uns selbst entgegen bringen, verändern können.

 

Wie das funktionieren kann?

Begegne deinen Stärken und deinen Schwächen mit Freundlichkeit und Verständnis, gehe liebevoll mit dir um, egal ob es gerade gut, oder schlecht läuft. Lobe und belohne dich, wenn du etwas gut hinbekommen hast und tröste dich, wenn du traurig bist. Hilf dir nach Stürzen selbst wieder auf, und beginne von vorne. Etwas verändern wollen bedeutet Neues zu lernen. Und Lernen gelingt am besten, in einem positiven und bestärkenden Umfeld. Um erfolgreich zu lernen gibt es ein paar einfache Tipps, die sich auch ohne Probleme auf die Persönlichkeitsentwicklung übertragen lassen. Unser Gehirn hat gerne Spaß am Lernen. Das heißt, es lernt besonders dann gut und gerne, wenn der Lerninhalt für uns einen Sinn ergibt und wenn wir Spaß am Lernen haben. Sich selbst für seine Bemühungen zu belohnen ist hierfür allemal effektiver, als sich selbst für wohlmögliches Scheitern zu bestrafen! Du willst mehr zum Thema gehirngerechtes Lernen wissen?

 

Und was haben die Pferde damit zu tun?

Pferde nehmen ihr Gegenüber so, wie es ist und begegnen ihm mit Freundlichkeit. Sie sind völlig unvoreingenommen, reagieren immer authentisch und können uns so ein unmittelbares, liebendes Gegenüber sein. Von ihnen können wir lernen, dass wir es wert sind, geliebt zu werden und können so die Liebe zu uns selbst aufbauen und stärken. Für die Pferde braucht man keine Maske zu tragen oder sich zu verstellen. Sie nehmen einen so, wie man ist – ungeschminkt und mit allen Unzulänglichkeiten. Wenn man ihnen zugewandt und freundlich begegnet, so werden sie einem auf die selbe Art begegnen. Es ist also möglich, durch den Kontakt zu Pferden die elementare Erfahrung zu machen, dass uns die Zuwendung, die wir geben bedingungslos zurück gegeben wird. Egal wie wir aussehen,ob wir gerade traurig sind oder fröhlich. Für das Pferd zählt nur, dass wir ihm freundlich gesinnt sind.

Selbstliebe kann durch das Erleben von unvoreingenommener Liebe gelernt werden - auch wenn das liebende Gegenüber ein Pferd ist. Foto von: Martin Schemm / pixelio.de
Selbstliebe kann durch das Erleben von unvoreingenommener Liebe gelernt werden – auch wenn das liebende Gegenüber ein Pferd ist. Foto von: Martin Schemm / pixelio.de

Die Erfahrung, dass es jemanden gibt, der einem so freundlich gesinnt ist, kann sehr heilsam sein. Sie kann dabei helfen, eine ebenso freundliche Haltung sich selbst gegenüber aufzubauen, weil wir erkennen können, dass wir es wert sind, geliebt zu werden. Besonders wichtig ist diese Erfahrung, wenn wir gerade traurig sind und an uns selbst zweifeln. In solchen Situationen eine Möglichkeit zu haben, bedingungslose Zuneigung zu erfahren ist sehr wertvoll und hilft, sich auch selbst wieder mit positiveren Augen zu sehen.

Wenn Du Dich jetzt auf den Weg zu mehr Selbstfürsorge – Achtsamkeit und Selbstliebe machen willst, dann kannst Du natürlich auch ohne Pferd damit anfangen. Du kannst dich aber auch auf die Suche nach einem Begleiter machen. Dafür brauchst Du nicht gleich ein eigenes Pferd, es reicht schon ein bewusst arbeitender Pferdemensch, der Dich entweder selbst begleitet, oder der Dir sein Pferd zur Verfügung stellt. Und wenn Du nicht weiterkommst oder Unterstützung bei der Suche nach einem passenden Partner brauchst, dann wende Dich gerne an mich.

Ich wünsche Dir viele achtsame und liebevolle Momente.

Anna

 


Zum Weiterlesen:

Wenn du wissen willst, wie Persönlichkeitsentfaltung mit Pferden zum Beispiel funktionieren kann, dann schau doch mal bei Miri von meinfaible vorbei.

Bianca von lebedraussen beschreibt hier, wie ihre Reitbeteiligung ihr in einer anstrengenden Phase geholfen hat, wieder mehr in den Moment zu kommen.


 

Anna Stempel-Romano

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5 comments on “Selbstfürsorge als Sorge(n) für ein Pferd?

  1. Das ist aber mal ein toller Artikel
    Ich selber bin leider insolvent und traumaerkrankt..ja ich habe trotzdem ein Pferd ich tue alles damit ich ihn behalten kann

    Aber das heißt auch ich mache viele kleine Jobs bin oft müde ausgepowert es kostet viel Zeit aber es heißt auch das ich ihn teile Arbeit delegiere..

    Aber er sagt immer wieder Hauptsache ich bin dein Pferd..

    Ja wir kommen nicht dazu so viel und so gut alles zu üben wir wir sollten können müssten..

    Aber ich versuche in jeder Woche ein paar Momente Stunden zu erschaffen,,die nur uns gehört und wo wir einfach relaxed und happy sind…

    Ansprüche zurückschrauben und sehen was möglich ist was schon erreicht wurde und das feiern…

    Manchmal trinke ich einfach eine Tasse Kaffee bei ihm und er mümmel Heu…

    1. Hallo Iris,
      danke für das Lob – Ich freue mich, wenn meine Gedanken andere berühren und ihnen weiterhelfen.
      Gerade wenn du unter einem Trauma leidest, kann dir dein Pferd sicherlich in vielen Situationen gut helfen. Ich denke, dass es für euch beide vor allem wichtig ist, dass ihr euch keinen Druck macht. Es gibt ja nicht das „richtige Maß“ an Übung oder Training. So wie du es beschreibst, ist er ja einfach dankbar, dass du da bist – genieß das. Und „Einfach eine Tasse Kaffee“ beim Pferd trinken und ihm beim Heu fressen zuschauen können, kann ja schon so viel mehr sein, als „nur“ die Tasse Kaffee.
      Ich wünsche dir viel Kraft, dass du diese Herausforderung so gut wie möglich meistern kannst. Du hast einen tollen Begleiter dafür an deiner Seite!
      LG
      Anna

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